Anstelle eines Vorworts

Nicole Heusinger-Oversohl

"Utopien erweisen sich als weit realisierbarer, als man früher glaubte. Und wir stehen heute vor einer auf ganzandere Weise beängstigenden Frage: Wie können wir ihre endgültige Verwirklichung verhindern?... Utopien sind machbar."

 

Dieses Zitat von Nikolai Berdjajew setzt Aldous Huxley vor den Beginn seiner utopischen Geschichte einer "Brave New World". Bereits Anfang der 1930er Jahre veröffentlichte Huxley seinen Roman, der eine anti-utopische, düstere "Schöne Neue Welt" skizziert, die absolut zeitlos ist und überall stattfinden könnte. Wegen der aufgezeigten Ausweglosigkeit und des tiefen Pessimismus wurde sein Buch immer wieder als Metapher für totalitäre Lebensverhältnisse heran gezogen. Und gerade heute erscheint es aktuell wie nie. Es sind diese dystopischen Szenarien von Huxley´s erdachten zukünftigen, völlig gleichgeschalteten Gesellschaften, die ein beklemmendes Bild zeichnen, und dabei erschreckenderweise ungeheuer real sind.

Eigetlich aber gibt es auch dieses andere Bild von Utopia als einem mystischen Ort vollkommener Harmonie und Menschlichkeit, ganz im Einklang mit der Natur. Viele Autoren haben einen solchen imaginären Ort bisher erdacht, allen voran der britische Staatsmann Thomas Morus, dessen geistiges, gleichnamiges Buch, das er 1516 veröffentlichte, ihn dann unter Heinrich VIII. seinen Kopf kostete.

 

Ob Utopie oder Anti-Utopie, imaginiert werden Orte und Welten, in denen Fiktion immer auch auf gesellschaftliche Wirklichkeit trifft. Gefühltermaßen vergleichbar mit den undefinierten Welten, denen wir in den Bildern des Düsseldorfer Künstlers Marcus Günther ausgesetzt sind. Scheint doch alles hier zwischen pessimistischer und optimistischer Sichtweise zu schweben. Rätselhafte, anonyme Science-Fiction Figuren bevölkern da verschiendenartige Cyverspaces, die bei geauerer Betrachtung sich allerdings als vertraute menschliche Verhüllungen entpuppen. Gesichter gibt es nicht, nur Schutzhelme, Masken, Hauben und zerfließende Häupter. Der genormte MNensch braucht keine Individualität. Beeindruckend, gar unerschöpflich ist die Phantasie des Künstlers, die aus Alltagskleidung skurrile bis karnelavleske Gestalten erwachsen lässt.

 

Im Nirgendwo steht ein weißes, weiches Michelin-Männchen vor anthropomorph wirkenden Raketen. Ihre rundlichen Formen werfen dennoch harte, plastische Schatten auf den hellen Boden, als wollten sie ihre Präsenz dadurch um so mehr bestärken. Geht der Flug des medienbekannten Michelin- Mannes zu eben dem roten Planeten, auf dem bereits eine weiß umhüllte Figur sich verzückt schwerelosen Herzen hingibt? Ihr Kapuzengewand, eigentlich das klassische Merkmal des rassistisch motivierten Ku-Klux-Klans, wandelt sich hier, vor der unendlichen Schwärze des Universums und rot-blühenden Herzteppichen, zu einem besänftigenden, gutmütigen Geisterwesen. Dessen Kapuze kann aber genauso gut zu einem anderen Wesen mutieren, mit langen Hasenohren und in geschürter, unschuldig weißer Mönchskutte. Dicker Rauch pustet die märchenhafte Gestalt auf eine knatschgrüne Wiese, aus der langstielige Pilze in Freud´scher Symbolik wie Sonnenschirme emporragen.

 

Ähnlich wie bei Huxley und Morus läßt sich keine dieser Landschaften konkret verorten. Warum auch, sind es doch die virtuellen Gedankenspiele des Künstlers, gespeist aus dem visuellen sowie akustischen Umfeld, das uns alle tagtäglich umgibt. Sei es wirklicher, medialer oder halluzinatorischer Art. Marcus Günther kombiniert und montiert geschickt Bruchstücke aus vielerlei Quellen (Internet, Zeitungen, usw.) zu magisch-makaberen Welten, in denen scheinbar Banales und Unbedachtetes eine neue, phantasiereich ersponnene Existenz erhält. Fiktive Galaxien einer fernen Vergangenheit oder Zukunft ziehen dabei an uns vorüber. In ihnen tauchen mitunter cybrgähnliche Gestalten auf. Mischwesen, halb Mensch, halb Maschine. Sie könnten uns hier eine zukünftige Vision des modernen Menschen offerieren, der symbiotisch mit der ihn umgebenden Technik voll und ganz verschmolzen ist. Doch nicht alle diese technischen Durchdringungen des Menschen scheinen vollends geglückt. Manch hybrides Wesen - dessen Kostümierung gleichsam Schutzanzüge von Imkern, Astronauten oder Tauchern evoziert - verliert wortwörtlich seinen Kopf, durchbohrt von einem schwarzen, endlosen Balken, oder getroffen von mondfiebrigen Lichtstrahlen - die Düsternis eines Darth Vaders läßt grüßen. Auch kann ein clownesker Kopf hier einfach explodieren, beziehungsweise ein anderer wie flüssiger Asphalt zum Boden hin auslaufen. Alles ist anscheinend möglich, solange man es sich nur vorzustellen vermag.

 

Es gibt diabolische, tragigkomische, aber auch poetische "Posen", die sich in diesen grotesken, hintersinnigen Welten abspielen. Marcus Günther hat diese auf äußerst humorvolle Weise, mal mit bitterbösem Unterton und quietschend bunt, mal beinahe zärtlich konstruiert. Müssten uns diese zukunftspessimistischen Sphären eigentlich erschaudern lassen, so entlockt uns das grelle Feuerwerk künstlerischer Phantasie vielmehr ein süffisantes Schmunzeln. Ja, so möchzte man beim amüsierten Betrachten, echoen, Utopien sind machbar. Und trotz mach dystopischer Atmosphäre der Szenerie macht es großen Spaß, die Fährte dieser wahnwitzigen Gedankenwelt des Künstlers aufzunehmen und weiter zu spinnen.

 

 


POSE

Marcus Günther

In meinen in Öl auf Leinwand gearbeiteten Bildern zeige ich eine rein konstruierte Welt. In dieser Welt gibt es keine Gesichter; denn mich interessiert das rein virtuelle Gedankenspiel, wo sich der Mensch dahinter verbergen könnte.

 

Zu sehen sind in einer unwirklichen Biosphäre auftauchende Gestalten in Schutzkleidung.

Was ist hierbei schon Fiktion, was ist Wirklichkeit - dieses Verschwimmen von Festlegung durchzieht meine gesamte Werkreihe "POSE" wie ein roter Faden. Dabei fasziniert mich besonders, mit Bilderwelten des Konsum-Fetischismus zu jonglieren. Aus diesem Grund lasse ich die Grenzen, zwischen dem Schutz vor äußeren Einflüssen und dem Fetisch im Unklaren.

 

Die Protragonisten meiner Bilder sind entpersönlichte Individuen, die zum reinen Objekt werden. Wie Superhelden oder Bösewichte, die aus der Welt des Comics zu entspringen scheinen, begenen sie einem manchmal tragisch, manchmal auch komisch; mal stehen sie im Widerspruch, mal stehen sie im Kontext zu der sie umgebenden Landschaft.

 

Meine Absicht ist, dass sich der Betrachter dieser Paarung des Unähnlichen, diesem makaberen "Sinn im Unsinn", dieser willkürlichen Verknüpfung

zweier miteinander kontrastierender Vorstellungen, aber auch des Hervorhebens einer nur scheinbar realen Situation, nicht entziehen kann.

 

 


POSE 

P 01 - P 40

 

2018

Öl auf Leinwand

60 x 50 cm