POSE   P 01 - P 40

P 01 - P 40

2018

Oil on Canvas

60 x 50 cm

Anstelle eines Vorworts

Nicole Oversohl-Heusinger

"Utopien erweisen sich als weit realisierbarer, als man früher glaubte. Und wir stehen heute vor einer auf ganz andere Weise beängstigenden Frage: Wie können wir ihre endgültige Verwirklichung verhindern?... Utopien sind machbar."

 

Dieses Zitat von Nikolai Berdjajew setzt Aldous Huxley vor den Beginn seiner utopischen Geschichte einer "Brave New World". Bereits Anfang der 1930er Jahre veröffentlichte Huxley seinen Roman, der eine anti-utopische, düstere "Schöne Neue Welt" skizziert, die absolut zeitlos ist und überall stattfinden könnte. Wegen der aufgezeigten Ausweglosigkeit und des tiefen Pessimismus wurde sein Buch immer wieder als Metapher für totalitäre Lebensverhältnisse heran gezogen. Und gerade heute erscheint es aktuell wie nie. Es sind diese dystopischen Szenarien von Huxley´s erdachten zukünftigen, völlig gleichgeschalteten Gesellschaften, die ein beklemmendes Bild zeichnen, und dabei erschreckenderweise ungeheuer real sind.

Eigetlich aber gibt es auch dieses andere Bild von Utopia als einem mystischen Ort vollkommener Harmonie und Menschlichkeit, ganz im Einklang mit der Natur. Viele Autoren haben einen solchen imaginären Ort bisher erdacht, allen voran der britische Staatsmann Thomas Morus, dessen geistiges, gleichnamiges Buch, das er 1516 veröffentlichte, ihn dann unter Heinrich VIII. seinen Kopf kostete.

 

Ob Utopie oder Anti-Utopie, imaginiert werden Orte und Welten, in denen Fiktion immer auch auf gesellschaftliche Wirklichkeit trifft. Gefühltermaßen vergleichbar mit den undefinierten Welten, denen wir in den Bildern des Düsseldorfer Künstlers Marcus Günther ausgesetzt sind. Scheint doch alles hier zwischen pessimistischer und optimistischer Sichtweise zu schweben. Rätselhafte, anonyme Science-Fiction Figuren bevölkern da verschiedenartige Cyberspaces, die bei genauerer Betrachtung sich allerdings als vertraute menschliche Verhüllungen entpuppen. Gesichter gibt es nicht, nur Schutzhelme, Masken, Hauben und zerfließende Häupter. Der genormte Mensch braucht keine Individualität. Beeindruckend, gar unerschöpflich ist die Phantasie des Künstlers, die aus Alltagskleidung skurrile bis karnelavleske Gestalten erwachsen lässt.

 

Im Nirgendwo steht ein weißes, weiches Michelin-Männchen vor anthropomorph wirkenden Raketen. Ihre rundlichen Formen werfen dennoch harte, plastische Schatten auf den hellen Boden, als wollten sie ihre Präsenz dadurch um so mehr bestärken. Geht der Flug des medienbekannten Michelin- Mannes zu eben dem roten Planeten, auf dem bereits eine weiß umhüllte Figur sich verzückt schwerelosen Herzen hingibt? Ihr Kapuzengewand, eigentlich das klassische Merkmal des rassistisch motivierten Ku-Klux-Klans, wandelt sich hier, vor der unendlichen Schwärze des Universums und rot-blühenden Herzteppichen, zu einem besänftigenden, gutmütigen Geisterwesen. Dessen Kapuze kann aber genauso gut zu einem anderen Wesen mutieren, mit langen Hasenohren und in geschürter, unschuldig weißer Mönchskutte. Dicker Rauch pustet die märchenhafte Gestalt auf eine knatschgrüne Wiese, aus der langstielige Pilze in Freud´scher Symbolik wie Sonnenschirme emporragen.

 

Ähnlich wie bei Huxley und Morus läßt sich keine dieser Landschaften konkret verorten. Warum auch, sind es doch die virtuellen Gedankenspiele des Künstlers, gespeist aus dem visuellen sowie akustischen Umfeld, das uns alle tagtäglich umgibt. Sei es wirklicher, medialer oder halluzinatorischer Art. Marcus Günther kombiniert und montiert geschickt Bruchstücke aus vielerlei Quellen (Internet, Zeitungen, usw.) zu magisch-makaberen Welten, in denen scheinbar Banales und Unbedachtetes eine neue, phantasiereich ersponnene Existenz erhält. Fiktive Galaxien einer fernen Vergangenheit oder Zukunft ziehen dabei an uns vorüber. In ihnen tauchen mitunter cyborgähnliche Gestalten auf. Mischwesen, halb Mensch, halb Maschine. Sie könnten uns hier eine zukünftige Vision des modernen Menschen offerieren, der symbiotisch mit der ihn umgebenden Technik voll und ganz verschmolzen ist. Doch nicht alle diese technischen Durchdringungen des Menschen scheinen vollends geglückt. Manch hybrides Wesen - dessen Kostümierung gleichsam Schutzanzüge von Imkern, Astronauten oder Tauchern evoziert - verliert wortwörtlich seinen Kopf, durchbohrt von einem schwarzen, endlosen Balken, oder getroffen von mondfiebrigen Lichtstrahlen - die Düsternis eines Darth Vaders läßt grüßen. Auch kann ein clownesker Kopf hier einfach explodieren, beziehungsweise ein anderer wie flüssiger Asphalt zum Boden hin auslaufen. Alles ist anscheinend möglich, solange man es sich nur vorzustellen vermag.

 

Es gibt diabolische, tragigkomische, aber auch poetische "Posen", die sich in diesen grotesken, hintersinnigen Welten abspielen. Marcus Günther hat diese auf äußerst humorvolle Weise, mal mit bitterbösem Unterton und quietschend bunt, mal beinahe zärtlich konstruiert. Müssten uns diese zukunftspessimistischen Sphären eigentlich erschaudern lassen, so entlockt uns das grelle Feuerwerk künstlerischer Phantasie vielmehr ein süffisantes Schmunzeln. Ja, so möchte man beim amüsierten Betrachten, echoen, Utopien sind machbar. Und trotz mach dystopischer Atmosphäre der Szenerie macht es großen Spaß, die Fährte dieser wahnwitzigen Gedankenwelt des Künstlers aufzunehmen und weiter zu spinnen.

In Place of a Foreword

Nicole Oversohl-Heusinger

“Now indeed they [utopias] seem to be able to be brought about far more easily than we supposed, and we are actually faced by an agonising problem of quite another kind: how can we prevent their final realisation? ...
Utopias are more realisable than those ‚realist politics‘ that are only the carefully calculated policies of office-holders, and towards utopias we are moving...”


This quote from Nikolai Berdyaev has been given a prominent place at the beginning of Aldous Huxley’s utopian novel Brave New World. The novel was published in the early 1930s and presented to the reader an anti-utopian, bleak “brave new world” that is completely timeless and could happen anywhere. Due to the hopelessness and deep pessimism it conveys, the book has always been held up as a metaphor for life under a totalitarian system, a subject matter that is more relevant than ever in these days. It is these dystopian scenarios from Huxley’s imagined future, of societies brought completely into line, that form an oppressive image, and in doing so become
frighteningly, monstrously real.


In fact, there is also another image of Utopia as a mythical place of perfect harmony between humanity and nature. Many authors have already put forth various visions of such an imaginary place, foremost among them the British statesman Thomas More, whose brilliant book of the same name, published in 1516, cost him his head under Henry VIII.


Whether utopia or anti-utopia, these are fictional places and worlds in which fiction always impinges on social reality. It feels comparable with the indefinable worlds that we are presented with in the works of the Düsseldorf based artist Marcus Günther’s. Here, everything seems to float between a pessimistic perspective and an optimistic one. Mysterious, anonymous science fiction figures populate diverse cyberspaces, who, oncloser
inspection, turn out to be familiar human attire or protective clothing. There are no faces, only protective helmets, masks, hoods and dissolving heads. The standardised person does not require individuality. The artist’s imagination is impressive, even bordering on inexhaustible, in its ability to create forms ranging to from the comical to the carnivalesque out of everyday clothing. Nowhere in particular, a soft, white Michelin manstyle figure stands in front of anthropomorphic-looking rockets. Yet their rounded shapes throw hard, plastic shadows on the bright ground, as though in doing so they are trying to reaffirm their presence even more. Does the flight of the familiar Michelin man take him as far as the red planet, where a white-cloaked figure raptly gives away weightless floating hearts? Its hood, actually the classic distinguishing mark of the white supremacy organisation Ku Klux Klan, here

changes to a soothing, good-natured spirit before the endless blackness of the universe and the red-blooming carpet of hearts. This same hood can just as easily morph into another creature, with long rabbits’ ears and wearing a laced, chastely white monk’s habit. Thick smoke is blown by this fairy-tale creature onto a bright green meadow, from which long-stemmed mushrooms tower up like umbrellas, also acting as Freudian symbols.

 

Similarly to Huxley and More’s work, none of these landscapes can be definitively placed anywhere; and why should they, as they are the virtual world created by the artist, inspired by our everyday environment, experienced as both visual and acoustic stimuli, be it of a real, medial or hallucinatory kind. Marcus Günther skilfully combines and puts together fragments from a variety of sources (the Internet, newspapers etc,.) into magicalmacabre
worlds, in which the seemingly banal and ignored is given a new, imaginatively conceived existence. Fictional galaxies of a distant past or future pass us by, showing us cyborg-esque beings, hybrid creatures, half-person, half-machine. These might offer us a vision of the future of humanity, which is symbiotically completely melted together with the technology surrounding it. Yet not all of these technical “upgrades” seem completely successful.
One of these hybrid creatures – its costume evoking at once the protective suits of beekeepers, astronauts and divers – literally loses its head, bored through by an endless black beam, or struck by iridescent moonbeams – the gloom of a Darth Vaderlike figure dominates the image. A clownlike figure can even simply explode here, or another leak onto the ground like liquid asphalt. Anything seems possible, as long as one is only able to imagine it.


There are diabolical, tragicomic, yet also poetic “poses” that play out in this grotesque, senseless world. Marcus Günther has constructed his works in a highly humorous manner, sometimes with a bitterly angry undertone and in galling multicolours, sometimes giving them an almost gentle feel. If these pessimistic spheres should indeed make us shudder, then the glaring firework of artistic imagination should merit a smug grin from us even more.
Yes, gazing at these images with a sense of undeniable amusement, that old idea echoes in our minds, utopias are realisable. And despite the sometimes dystopian atmospheres of the settings, it is a lot of fun to absorb the journeys though this artist’s crazy imagined world and to develop them further.

POSE

Marcus Günther

In meinen in Öl auf Leinwand gearbeiteten Bildern zeige ich eine rein konstruierte Welt. In dieser Welt gibt es keine Gesichter; denn mich interessiert das rein virtuelle Gedankenspiel, wo sich der Mensch dahinter verbergen könnte.

 

Zu sehen sind in einer unwirklichen Biosphäre auftauchende Gestalten in Schutzkleidung. Was ist hierbei schon Fiktion, was ist Wirklichkeit – dieses Verschwimmen von Festlegung durchzieht meine gesamte Werk- reihe „POSE“ wie ein roter Faden. Dabei fasziniert mich besonders, mit Bilderwelten des Konsum-Fetischismus zu jonglieren. Aus diesem Grund lasse ich die Grenzen, zwischen dem Schutz vor äußeren Einflüssen und dem Fetisch im Unklaren.

 

Die Protagonisten meiner Bilder sind entpersönlichte Individuen, die zum reinen Objekt werden. Wie Superhelden oder Bösewichte, die aus der Welt des Comics zu entspringen scheinen, begegnen sie einem manchmal tragisch, manchmal auch komisch; mal stehen sie im Widerspruch, mal stehen sie im Kontext zu der sie umgebenden Landschaft.

 

Meine Absicht ist, dass sich der Betrachter dieser Paarung des Unähn- lichen, diesem makaberen „Sinn im Unsinn“, dieser willkürlichen Verknüpfung zweier miteinander kontrastierender Vorstellungen, aber auch des Hervor- hebens einer nur scheinbar realen Situation, nicht entziehen kann.

POSE

Marcus Günther

In my oil paintings on canvas I like to show a purely constructed world, in which we notice only portarits without faces. This is because I’m interested in an imagined scenario and the associated question: where does the human beeing exist behind?

 

What you see are individuals in protective clothing, situated in an unreal biosphere. Is this still fiction or reality? This blurring runs like a common thread through my series “POSE”. That is why I’m extremely fascinated with the play of pictorial worlds concerning the consumption, the fetishism and its depection. Hence, the boundaries between the protection against external influences and the fetish are deliberately blurred.

 

The protagonists in my paintings are depersonalised individuals, turning thereby into sheer objects. As superheroes or villains they appear deriving from the world of comics - sometimes tragic, sometimes also weird; sometimes in contradiction or alternatively in the context of the surrounding landscape.

 

My aim is to draw the viewer’s attention to this pairing of dissimilarities, this morbid “sense in the nonsense”, the arbitrary combination of two contrasting notions, but also to the emphasizing of a deceptively real situation.