Die Welt... aus den Fugen geraten?

Prof. Dr. Pia Müller-Tamm, Direktorin der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, zur Arbeit Sowohl als auch.

 

 

Folgen wir den Phantasmen des Künstlers, der in seinem preiswürdigen Bild einen uns gänzlich unbekannten Ort markiert, nähern wir uns einer Zwischenwelt, die sich zwischen zwei leuchtend roten Ballons auftut, ein Ort in den Lüften umgeben von Magritte-artig gemalten Wolken. Drei Männer in Schutzkleidung und mit Helmen, bei der Arbeit mit elegant geschwungenen Schläuchen. Ziel und Zweck ihres Tuns sind nicht erkennbar. Die Füße der Männer scheinen im Boden zu versinken, oder sie haben gar keine Füße und sind immobil auf ihre jeweilige Position fixiert. Sie sind nicht Teil einer größeren Kommunikationsgemeinschaft, sondern isolierte Existenzen, verbunden nur durch die Arbeit und das technische Gerät. Das Ganze ist in einer buntfarbigen, detailgenauen Malerei abgefasst. Wie lässt sich dieses irritierende Denkbild entziffern?

 

Marcus Günther bekennt sich zu seiner Nähe zum Surrealismus. Und tatsächlich kann man ihn als einen skeptischen Nachfahren der Surrealisten bezeichnen. Denn Axiome des surrealistischen Denkens waren der Zweifel an der europäischen Tradition der Aufklärung, die Kritik an der technisch-rationalen Vernunft; hieraus leiteten die Surrealisten die Kraft zur Rebellion gegen die herrschende, die absurde, verkehrte bürgerliche Gesellschaft ab, aus dieser Fundamentalkritik ging der surrealistische Impuls zu einem neuen Denken hervor, zu einem Denken von Alternativen zur bestehenden Ordnung. Was vermag nun die Kunst nach dem Ende der surrealistischen Avantgarde noch auszurichten? Wie kann ein Künstler in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts ein anderes Denken erproben?

 

Die Welt aus den Fugen“ – wenn in diesem Motto ein pessimistischer Unterton mitschwingt, so muss die Antwort des Künstlers nicht zwingend resignativ sein. Denn immer wenn in der Kunst ein negativer Befund artikuliert wird, so eröffnet sich die Möglichkeit, dass das jeweils andere gemeint ist. Wenn also das Subjekt als das gestörte, einsame, isolierte und verschwindende Wesen dargestellt ist, so kann damit – paradoxerweise – auch der zur Fülle des Lebens drängende Mensch gemeint sein. Solche Paradoxien gehören schon lange zur Logik künstlerischer Weltaneignung und Selbstbehauptung.

 

Eine solche paradoxe Deutung scheint mir auch mit Blick auf Marcus Günthers Denkbild möglich, dies vor allen, wenn wir den Titel Sowohl als auch mit einbeziehen und ihn ganz im Sinne der Titelpoesie der Surrealisten in sein Gegenteil kehren: Und so würde aus Sowohl als auch ein Weder – noch, also kein Glaube mehr an den utopischen Sinn der Revolte, der das surrealistische Projekt antrieb, kein definiertes Emanzipationsziel, keine Vision einer gesellschaftlichen Befreiung, aber auch keine spielerisch-heitere Haltung des Anything goes, keine Verzweiflung und keine Euphorie – eher die postutopische Haltung der Coolness, deren evokative Kraft sich hier wie ein Geistesblitz entlädt.

Prof. Dr. Pia Müller-Tamm, director of the Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, on the work Both and.



If we follow the phantasms of the artist, who marks a place completely unknown to us in his award-winning picture, we approach an intermediate world that opens up between two bright red balloons, a place in the air surrounded by clouds painted like Magritte. Three men in protective clothing and helmets, working with elegantly curved hoses. The aim and purpose of their actions are not discernible. The men's feet seem to sink into the ground, or they have no feet at all and are immobilized in their respective positions. They are not part of a larger communication community, but isolated existences, connected only by work and the technical device. The whole thing is written in a brightly colored, detailed painting. How can you decipher this irritating thought?

Marcus Günther is committed to his closeness to surrealism. Indeed, one can call him a skeptical descendant of the Surrealists. For axioms of surrealist thought were the doubt about the European tradition of the Enlightenment, the criticism of the technical-rational reason; From this the Surrealists derived the power to rebel against the ruling, absurd, perverted bourgeois society. From this fundamental criticism emerged the surrealist impulse for a new way of thinking, for thinking of alternatives to the existing order. What can art do now after the end of the surrealist avant-garde? How can an artist try out a different way of thinking in the present of the 21st century?

“The world out of joint” - if there is a pessimistic undertone in this motto, then the artist's answer does not necessarily have to be resigned. Because whenever a negative finding is articulated in art, the possibility arises that the other is meant. So if the subject is depicted as the disturbed, lonely, isolated and vanishing being, then - paradoxically - the person who is pushing towards the fullness of life can also be meant. Such paradoxes have long been part of the logic of artistic world appropriation and self-assertion.

Such a paradoxical interpretation seems to me possible even with a view to Marcus Günther's conception, especially if we include the title both and and turn it into its opposite in the sense of the title poetry of the Surrealists: And so would become both and a Neither - nor, no more belief in the utopian sense of the revolt that drove the surrealist project, no defined emancipation goal, no vision of social liberation, but also no playful, cheerful attitude of anything goes, no despair and no euphoria - rather that Post-utopian attitude of coolness, the evocative power of which is discharged here like a flash of inspiration.